Die Unabhängigkeit der Schotten….

oder brauchen die Briten bald eine neue Flagge?

scotland

Als wir unsere Urlaubswoche nach Schottland im Frühjahr buchten, haben wir nicht berücksichtigt welch geschichtsträchtiges Ereignis wir bald hautnah mit erleben dürfen, bei unserer Planung standen mehr das Wetter, die blühende Heide und manch anderes im Vordergrund, jetzt werden wir wohl die Feiern zur Unabhängigkeit Schottlands oder die Feiern zum Verbleib Schottlands miterleben…..

Wahrscheinlich ist es wie in den meisten langjährigen Ehen, man kennt die Vor-und Nachteile des Partners sehr genau, vielleicht sogar zu gut, eigentlich ist man ja ein eingespieltes Team, aber irgendwann stellt sich die Frage – man nennt das im allgemeinen Midlife Crisis – bleibe ich diesem Partner bis zum Ende meines Lebens treu oder orientiere ich mich vielleicht doch nochmal neu?
Die Schotten haben offensichtlich das gleiche Problem und stehen jetzt vor einer Entscheidung mit weitreichenden Folgen.

Nach dem kommenden Donnerstag scheint möglich was viele bisher für unmöglich hielten; knapp die Hälfte der Schotten würden sich nach den augenblicklichen Umfragen für ein unabhängiges Schottland aussprechen. Sogar die Queen macht sich offensichtlich Sorgen und hat sich, was sie wohl sehr selten macht, in politischen Dingen öffentlich geäußert: „Die Monarchin sei zutiefst beunruhigt, dass Schottland sich vom Vereinigten Königreich abspalten könne“. Dazu hat sie allen Grund, allerdings wollen die Schotten ihre Königin nicht loswerden: Das unabhängige Schottland soll, wenn es denn kommt, eine parlamentarische Monarchie mit Elisabeth II. als Staatsoberhaupt werden wie Kanada, Australien oder Neuseeland.
Für mich als Europäer stellt sich erst mal die interessante und sehr einfache Frage, gehört Schottland vielleicht bald zur EU und ich kann mir das lästige Geld wechseln sparen? Zur Zeit befindet sich das Pfund im freien Fall, sehr gut für unsere Urlaubskasse, mit dem Umtausch werde ich noch ein paar Tage warten.

Aber so einfach ist das alles nicht.

scotland 3

Schottland und die britische Krone bekämpften sich das ganze Mittelalter lang, bis beide Seiten 1707 ein Abkommen schlossen und zum Vereinigten Königreich fusionierten. Heute haben die Schotten ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als andere Einwohner der Insel. Seit Jahren setzen sich schottische Nationalisten für mehr Eigenständigkeit ein, einer der prominentesten Vertreter ist Sean Connery, der nun mal nicht als James Bond sondern privat die Welt Schotten retten möchte. Die Befürworter erhoffen sich von einer Autonomie, dass die eigene Demokratie und der Sozialstaat gestärkt werden. Am deutlichsten stechen jedoch die wirtschaftlichen Argumente hervor: Allein mit den Einnahmen aus dem Ölvorkommen könnte, so die Hoffnung, Schottland wieder selbstständig existieren.
1997 erreichten sie per Volksabstimmung, dass Edinburgh wieder ein Parlament zugesprochen bekam sowie die weitgehende Autonomie bei der Bildungs-, Gesundheits-, Umweltpolitik sowie der Justiz. Die Scottish National Party (SNP) will jetzt jedoch noch einen Schritt weitergehen und das Volk über die völlige Unabhängigkeit von Großbritannien abstimmen lassen.

Die Unabhängigkeitskämpfer haben ein 670 Seiten langes Gutachten erstellt, in dem sie darlegen, dass ein eigener Staat vor allem aus den Erdöl- und Gas-Einkommen leben will.  Auch Schottlands Whisky-Brennereien zahlen jedes Jahr eine Milliarde Pfund in Londons Steuerkasse ein. Allerdings ist Schottland hoch verschuldet, und zwar mit 86 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die weltweit agierende Royal Bank of Scotland überlebte die Finanzkrise nur, weil sie mit Geld aus London gerettet wurde. Die Gegner der Unabhängigkeit argumentieren damit, dass jeder sechste Job in Schottland von einem Unternehmen abhängt, das seinen Sitz auf der anderen Seite der Insel hat.

schottland 2

Völlig offen ist, welche Währung ein unabhängiges Schottland haben würde. Ohne politische Union gebe es keine gemeinsamen Finanzen, heißt es aus London. Behalten die unabhängigen Schotten einfach trotzdem das Pfund, wären sie auf den guten Willen der Bank of England angewiesen, eine eigene Geldpolitik wäre nicht möglich. Der Euro ist auf der Insel eigentlich verpönt und der Beitritt zum Euro-Raum würde Jahre dauern. Eine eigene schottische Währung steht, glaube ich, nicht zur Diskussion. Rein formal würde Schottland die Kriterien für einen Euro-Beitritt vermutlich erfüllen. Wie hoch Inflation und Schuldenquote genau sein werden, wird man zwar erst sehen, wenn separate schottische Statistiken vorliegen. Doch wenn die Unabhängigkeit nicht gleich eine Wirtschaftskrise auslöst, wäre Schottland reif für den Euro, meinen die Experten.

Um zu retten was hoffentlich noch zu retten ist, stellte Finanzminister George Osborne in Aussicht, der Regionalregierung weitreichende Kompetenzen zu übertragen, falls Schottland im Vereinigten Königreich bliebe. Edinburgh werde demnach mehr Kompetenzen bei Steuern, Staatsausgaben und Sozialpolitik erhalten. Die Schotten könnten „das Beste beider Welten haben“ – also umfassende Selbstverwaltung und zugleich die Sicherheit, einem größeren Staatengebilde anzugehören. Die Pläne hierzu sollen spätestens bis zum 18. September fertig sein. Tatsächlich umgesetzt werden sie, wenn die Schotten mit Nein – also gegen die Unabhängigkeit – gestimmt haben.
Auch Prominente Stimmen melden sich zu Wort: Mick Jagger, Judi Dench, Stephen Hawking, Paul McCartney oder Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling werben für den Zusammenhalt des Landes,
mal sehen ob es hilft 😉

4,2 Millionen Wähler, auch 16 und 17 Jahre alte Schotten, dürfen über ihre Zukunft mit entscheiden, 97 % haben sich in die Wahllisten eintragen lassen, man geht von einer Wahlbeteiligung von 84% aus, enorm!
Stimmen die Schotten für die Unabhängigkeit, würden im Herbst Verhandlungen über die Zukunft der politischen Beziehung zwischen Schottland und Großbritannien beginnen. Am 24. Januar 2016 soll der erste Unabhängigkeitstag gefeiert werden, bis 2016 will Schottland aber auf jeden Fall Mitglied des Vereinigten Königreichs bleiben.

Das Spotlight Magazin (Ausgabe 9/2014) stellt die äußerst realistische Behauptung auf: „It all has to do with global warming. While places like England become as dry as the Sahara, Scotland will be growing exotic Mediterranean delicates. The Scots won´t have to share their figs and aubergines with the English“. Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen 😉 Außerdem werden hier die äußerst entscheidenden Fragen in dem Raum gestellt:
„What about Scottish entry for the Eurovision Song Contest? Would it be sung in Gaelic?“ Aber die alles entscheidende Frage ist offenbar: „Will Sottish people still be able to take part in the TV programme Britain´s Got  Talent?“
Auf diese Fragen wird sich hoffentlich ab Donnerstag eine Antwort finden….

Eine tolle Übersicht zur Geschichte Schottland findet sich in den letzten Tagen bei http://entdeckeengland.com/ beginnend mit:
http://entdeckeengland.com/2014/09/08/calgacus-und-die-wilden-im-norden/
und die folgenden Seiten…

Und wunderbare Karikaturen, die ich leider nicht veröffentlichen darf hier, bitte scrollen: http://tinyurl.com/k73z48e

undnoch ganz viel weitere Info:
http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-09/schottland-unabhaengigkeit

http://www.sueddeutsche.de/politik/referendum-in-schottland-es-geht-um-mehr-als-unabhaengigkeit-1.2120482-2
http://www.spiegel.de/politik/ausland/umfrage-in-schottland-erstmals-mehrheit-fuer-unabhaengigkeit-a-990270.html

Die schottische Unabhängigkeit und die britischen Atomwaffen:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/unabhaengiges-schottland-grossbritannien-fuerchtet-um-atomwaffen-a-989181.html#ref=plista

Schottlands Fischer und die Unabhängigkeit:
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/referendum-am-18-september-unabhaengigkeit-spaltet-schottlands-fischer-13142086.html


das Original von Runrig:

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6 Antworten zu Die Unabhängigkeit der Schotten….

  1. cRAmerry schreibt:

    Klasse Zusammenfassung. Danke! Und die Frage nach dem ESC musste dringend im Zusammenhang mit den eruptiven politischen Umwälzungen im Vereinigten Königreich ja auch mal gestellt werden 😀
    Aber diese Thematik der Ablösung vom UK und hin zur Unbhängigkeit treibt die Schotten ja schon lange um. Ich finde es schwer, mir da ein Urteil zu bilden, da mir nationalistische Ideen so vollkommen fremd sind. Entfernt erinnert mich das an die zeitweiligen Versuche der Bayern, sich selbstständig zu machen. Und auch das war immer nur eher provokativ gemeint. Mal sehen, wie es ausgeht.

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  2. entdeckeengland schreibt:

    Das nenne ich doch mal eine umfassende Urlaubsrecherche 🙂 ein sehr guter Überblick über die Fragen, die die Schotten so umtreiben. Vielen Dank übrigens für die Erwähnung. Dann wünsche ich Dir weiterhin frohe Urlaubsvorbereitungen.

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  3. Herba schreibt:

    Danke für diesen interessanten Post!
    Ich bin sehr gespannt wie das ausgeht, die Prognosen sind ja nach wie vor sehr, sehr eng…

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  4. Desirée Löffler schreibt:

    Kein Wunder, dass die Queen sich besorgt zeigt, wenn die Schotten so viel Öl und Gas haben, dass das zur Unabhängigkeit reicht… Ich bin ja mal sehr gespannt.

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  5. Pingback: Aufstieg der schottischen Nationalisten | Entdecke England

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