Die Freiburger Bächle

Geboren bin ich in Freiburg, der Rest meiner Familie lebt dort und so bin ich immer wieder auf Familienurlaub in Freiburg.
Ich werde in Zukunft immer mal wieder über die lustigen, schönen Seiten und  Sehenswürdigkeiten in Freiburg schreiben, eine wunderschöne und liebenswerte Stadt, die für mich immer noch Heimat ist!

Heute starten wir mit einer Institution und einem der Wahrzeichen von Freiburg, die Bächle, die durch ganz Freiburg laufen und die schon den einen oder anderen Touristen und Prominenten zu Fall gebracht haben…..

IMG_2144Die Wortbildung Bächle stammt aus dem 20. Jahrhundert: Im Oberrheinalemannischen Dialekt, wie er in Freiburg und Umgebung noch gesprochen wird, bildet man einfache Verkleinerungen im Normalfall mit dem Morphem {-li}. Allerdings haben sich die alemannischen Dialekte zumindest in den Städten im Laufe der Zeit abgeschliffen und es entstand eine „großräumige, einheitliche Variante“. So wurde aus dem Bächli das Bächle.

Die vor allem bei Touristen & Kindern beliebten Bächle,
– für ALLE Freiburger aber nicht weg zu denken 🙂
dienten früher auch der Wasserversorgung und Brandbekämpfung und wurden urkundlich erstmals im 13. Jahrhundert erwähnt. Im 19. Jahrhundert empfand man die Bächle als unmodern und deckte sie größtenteils mit Eisenplatten ab. Da die Bächle sich ursprünglich in der Mitte der Fahrbahn befanden, wurden sie von vielen Leuten (u.a. dem ADAC) als Verkehrsrisiko betrachtet und an den Rand der Straße verlegt. 1969 wurde die Innenstadt zur Fußgängerzone. Heute stellen sie kein bedeutendes Verkehrshindernis mehr dar, teilweise verlaufen sie sogar direkt neben den Schienen der Straßenbahn.

Das Bächle lebt:IMG_2162Die Bächle haben eine Gesamtlänge von 15,5 km, von denen 6,4 km unterirdisch verlaufen.
Für Ortskundige: Weit oberhalb der ehemaligen Stadtgrenze am Schwabentor, nämlich am Bifängle bei der Kartaus, leitet eine Stellfalle Wasser aus der Dreisam in den Gewerbekanal. Diesem entnimmt ein unterirdischer Stollen das Wasser, das in der Stadt durch die Bächle geleitet wird und unterhalb des Netzes wieder in den Gewerbekanal zurückgelangt.
Dank des kunstvoll hergestellten Höhenunterschieds zwischen dem Osten und dem Westen der Freiburger Altstadt fließen die Bächle mit natürlichem Gefälle von 1-2° von der Einspeisung am Schwabentor abwärts in nord-nordwestlicher Richtung. In Oberlinden befindet sich ein Hauptverteiler, wo auch Wasser zur Bewässerung der alten Linde abgezweigt werden kann, die dort 1729 gepflanzt wurde. Auch hier fließt dass Wasser am Ende dann wieder in den Gewerbekanal.

Für die Wasserverteilung und Sauberhaltung in den Wasserläufen sorgen die „Bächleputzer“ (eine weltweit vermutlich einzigartige Berufsart). Sie verwenden zur Wasserregulierung 142 Blechschieber. Besonders viel Arbeit gibt es, wenn „Bachabschlag“ ist, denn dann zeigt sich, was die gedankenlosen Zeitgenossen alles dem sauberen Wasser der Bächle „anvertraut“ haben. Wenn aber nach dem Bachabschlag das Wasser wieder sauber und klar durch die Bächle fließt, dass erinnert man sich gerne an Johann Peter Hebels Loblied auf Freiburg: Z’Friburg in der Stadt – Sufer isch’s und glatt
hier zu finden
🙂

An manchen Stellen findet die menschliche Arbeit natürliche Helfer in Gestalt von kleinen Flusskrebsen, die Algenbewuchs abfressen und Schlamm wegschaffen.

IMG_2150„Wer als Fremder Freiburg betritt, wird angenehm überrascht durch die vielen offenen Wasserläufe, welche krystallklar in den Straßen fließen.“ So steht es in einer Stadtbeschreibung aus dem Jahre 1896. Diese Wasserläufe sind sehr alt und bestanden vermutlich schon, als die Zähringer die Stadt gründeten. In den Straßen flossen die „Bächle“ und durch die Stadt zogen sich die Gewerbebäche, auch „Runzen“ genannt. Beide wurden mit Wasser aus der Dreisam gespeist. Die Runzen dienten dem Handwerk und der Landwirtschaft. Die Bächle waren Teil des dualen Wasserversorgungssystems Freiburgs: Die Versorgung der Stadt mit Trinkwasser erwies sich als schwierig, da sich das Grundwasser in rund 12m Tiefe befindet und die wenigen Tiefbrunnen nur für Notfälle ausreichten. Man leitete Quellwasser vom Fuß des Brombergs im Osten der Wiehre über Deicheln nach Freiburg und speiste damit städtische Laufbrunnen. Dieses System reichte für die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser aus, die Runzen deren Wasser aus der Dreisam stammte deckten den Bedarf an Brauchwasser und zum Tränken der Tiere innerhalb der Stadtmauern.

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Die erste Erwähnung der Bächle findet sich in einer Urkunde aus dem Jahre 1238, mit der den Dominikanern für ihr neues Klostergebäude in Unterlinden die „Nachlassung des Hofstättenzinses“ gewährt wurde. In der Ortsbezeichnung heißt es über die Lage des neuen Klosters: „zwischen den zwei Bächen wo die Prediger wohnen“.
Im Spätmittelalter hat der Rat klare Bestimmungen erlassen, damit diese Stadtbäche tagsüber nicht verschmutzt wurden: Im Sommer durfte nicht vor 10 Uhr, im Winter nicht vor 9 Uhr Abfall und Kehricht in die Bäche geschüttet werden.
Noch im Jahre 1838 hieß es in einer Feuerpolizei-Ordnung der Stadt: „Die Brunnenmeister müssen das Wasser in den Brunnen und Straßenbächlein sogleich nach der Gegend des Brandes richten. Sie sind dafür verantwortlich, daß dies jeden Augenblick geschehen kann, und stauchen das Wasser zur Erleichterung des Schöpfens sogleich an den geeigneten Punkt.“ Mit der technischen Entwicklung der Brandbekämpfung und dem Ausbau der Wasserversorgung verloren die Bächle ihre Rolle als Wasserlieferant bei einem Brand. Noch einmal hätten sie ihre Dienste leisten können, als beim Luftangriff am 27. November 1944 die Innenstadt in Schutt und Asche sank, aber leider flossen sie nur spärlich oder gar nicht. Der Schutt der einstürzenden Häuser versperrte dem Wasser den Weg und die armseligen Rinnsale waren gegen das Flammenmeer so gut wie machtlos.

IMG_2156Die Formen und Ausmaße der Bächle haben sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. Während früher Buntsandsteinplatten die seitliche Einfassung bildeten, werden heute allgemein Granitplatten verwendet. Die Sohle der Bächle bestand früher auch aus Sandstein. Heute verwendet man Basaltpflaster oder in besonderen Fällen auch ein Pflaster aus Rheinkiesel. Dieses Pflaster wurde und wird auch für die Gehwege verwendet. Angepasst an die Breite der jeweiligen Straße sind auch die Bächle unterschiedlich groß. Das größte Bächle mit einer Breite von circa 75cm befindet sich am Oberlauf beim Schwabentor, die kleinsten, etwa 15cm breit, fließen in den schmalen Altstadtgassen.

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Das prominenteste Opfer der Bächle dürfte wohl die Frau des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl sein, die beim Besuch des Papstes im September 2011 das Familienauto in den historischen Freiburger Gewerbekanal gelenkt hatte 🙂 Ein ausführlicher Artikel zum schmunzeln findet sich hier.
Als im Jahre 1964 ein Mann in der Adelhauser Straße ins Bächle fiel und sich ein Bein brach, musste die Stadt zwei Drittel seines Schadens bezahlen, ein Drittel musste der Verunfallte selbst aufbringen. Die Begründung für dieses Urteil ist wohl einmalig, die Richter meinten nämlich: „Von einem Besucher, der sich bereits einen ganzen Tag in Freiburg aufgehalten hatte, hätte man erwarten können, daß er die Bächle bemerkte.“ Weiter hieß es in der Urteilsbegründung: Die Kammer ist der Meinung, dass die Freiburger Bächle als einprägsame städtische Spezialität erhalten werden sollten. Gerade in der augenblicklichen Zeit der Uniformierung und der schematischen Modernisierung sollte eine Stadt wie Freiburg solange wie irgend möglich an einer so kennzeichnenden, schönen und hygienischen Eigenart, wie sie die Stadtbächle darstellen, festhalten.“
…….
IMG_2160Als wir an Ostern in Freiburg waren stand in der Badischen Zeitung folgendes sinngemäß zu lesen: Bedingt durch die häufigen Unfälle von Personen die durch die Freiburger Bächle verunfallen und auf den darauf folgenden Druck der Unfallversicherungen, soll ein Großteil der Bächle zugeschüttet und blau gepflastert werden…….
Eine Bürgerinitiative sammelte an diesem Tag Unterschriften dagegen.

Fakt ist, der Zeitungsartikel erschien am 1. April….. 🙂

IMG_2165In einem der größeren „Bächle“, der Gerberau ist sogar ein ganz untypisches Getier im Wasser zu finden:

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Im Hochsommer wunderbar zur Abkühlung; Füße ins Bächle:

IMG_2171Bächleboot und Bächleregatta :

IMG_2173Einem Sprichwort zufolge sollten Touristen aufmerksam durch die Stadt laufen, da derjenige, der unbeabsichtigt in eines der Freiburger Bächle tritt dem Volksmund zufolge einen Freiburger oder eine Freiburgerin heiraten wird……

Alle Informationen stammen aus folgenden Quellen:
http://www.freiburg.de/pb/,Lde/226189.html

http://www.freiburg.de/pb/site/Freiburg/get/388435/baechle_text_kuntzemueller.pdf

http://www.freiburg.de/pb/site/Freiburg/get/388434/baechle_text_untermann.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Freiburger_B%C3%A4chle

http://stadtleben.de/freiburg/branchen/location/baechle/

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13 Antworten zu Die Freiburger Bächle

  1. lollyjanepolly schreibt:

    Ein sehr interessanter Artikel! Jetzt Kenn ich sie auch, die Bächle ☺

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  2. Myriade schreibt:

    Die sind ja großartig, die Bächle ! Und was für originelle Regatten sich da organisieren lassen ZB die Entchen , süß !

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    • suzy schreibt:

      Ja, ich will glaube ich gar nicht wissen, was da alles schon geschwommen ist…. 🙂 Die Entchen schwimmen vor einem Laden und man kann sie dort natürlich kaufen!

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  3. Guylty schreibt:

    Das ist ja interessant. War mir natürlich nicht bekannt (da mein Besuch in Freiburg etwa 35 Jahre her ist). Finde ich aber superschön. Solche Anachronismen machen eine Stadt erst richtig einzigartig. Bin gespannt, was du uns noch alles von deiner Stadt zeigen wirst!

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  4. ginadieuarmstark schreibt:

    Süß die kleinen Entchen da ;D

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  5. Hariclea schreibt:

    oh ist das schooon, wusste ich gar nicht. Ich mag diese alten Eingentumlichkeiten in einer Stadt und wie schon dass sie noch erhalten sind 🙂 Dei Begrundung fur Unfalle ist ja witzig aber sehr richtig 🙂 Ich mag die Entchen sehr! Danke fur die Beschreibung und die netten Fotos!

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  6. Servetus schreibt:

    Interesting. I was there once (in 2004) and wondered about them. Thanks for the explanation!

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