„Ein Fälscherleben“ von Adolfo Kaminsky

IMG_2508Dieses Buch stand schon lange auf meiner „zu Lesen“ Liste, da ich momentan viel Zeit habe und endlich mal wieder zum lesen komme, heute die Empfehlung für eine sehr spannende und berührende Lebensgeschichte:
Die Biographie von Adolfo Kaminsky, einem Mann, der tausende Menschen vor der Deportation und dem Tode bewahrt hat. Sie wurde von seiner Tochter Sarah ‚dokumentiert‘, denn seine eigenen Kinder wussten lange Zeit nichts über seine Vergangenheit. Sie dachten ihr Vater sei ein Streetworker, der jugendlichen Staftätern mit dem Fotografieren zurück in das normale Leben hilft. Aber viele kleine Ungereimtheiten in der Geschichte ihres Vaters machten Sarah neugierig und es ist ihr dann doch gelungen den Vater zum Reden zubringen, sie stellte ein Mikrofon auf und ließ ihn erzählen –
2009 war die Biographie fertig……….

Gerade mal 18 Jahre ist Adolfo Kaminsky alt, als er in einem versteckten Pariser Labor beginnt Pässe und Führerscheine zu fälschen. Die Résistance sprach den jüdischen jungen Mann an, der als Färberlehrling  in einer Molkerei in dem normannischen Städtchen Vire ganz spezielle chemische Kenntnisse erworben hatte: Gibt es tatsächlich eine Substanz, die Tinte unsichtbar machen kann? Adolfo entdeckte den Zusammenahng mit der Milchsäure – und wurde sofort von seinem zukünftigen Kontaktmann „Pingouin“ engagiert.

Von nun an bearbeitete er Fotos, erstellt Geburtsurkunden  und Passierscheine, wagt sich später  sogar an die schwierigen schweizer Pässe und erstellt für jeden der vielen Flüchtlinge eine völlig neue Biographie.
„Unmöglich zu sagen, wie viele es waren: hunderte, tausende auf jeden Fall“, sagt Adolfo Kaminsky. „Es ist ein Leben außerhalb des Gesetzes, aus einem einfachen Grund: um Menschenleben zu retten. Aus Notwendigkeit.“ Eine Notwendigkeit, die sich erstmals 1940 stellt, denn die Kaminskys sind Juden. Adolfo ist 15 Jahre alt, als seine Mutter von den Nazis ermordet wird, sie wird aus einem fahrenden Zug geworfen. Seine Geschwister, sein Vater und er selbst überleben das französische Lager Drancy nur durch Glück und mit den richtigen Beziehungen.
1943 beginnt Adolfo Kaminsky, für die französische Résistance gefälschte Papiere herzustellen – Ausweise, die Tausende von Juden vor Deportation und sicherem Tod bewahrten.

Kamins
Bildquelle: www.itongadol.com.ar

Einmal bekommt Kaminsky den Auftrag in nur drei Tagen 900 Dokumente herzustellen, damit 300 jüdische Kinder gerettet werden können. Die deutsche Armee weicht zwar aus dem Pariser Raum zurück, aber zuvor wollen sie eine riesige Razzia durchführen. In 3 Tagen sollen Kinder aus zehn Heimen gleichzeitg abtransportiert werden, überall aus der Pariser Region. Kaminsky muss für sie alles anfertigen: Lebensmittelmarken, Taufscheine, Geburtsurkunden, Personalausweise für die Fluchthelfer, ihre Einsatzbefehle und Passierscheine, eine unlösbare Aufgabe in der kurzen Zeit.

Hier stockte mir beim Lesen zum ersten mal richtig der Atem. Was für eine Verantwortung – wo fängt man an, welches der Kinder hat Priorität? Jedes Dokument das er und seine Helfer nicht fertig stellen können ist quasi das Todesurteil für die Kinder…… 😦

„Wach bleiben, so lange wie irgend möglich. Gegen den Schlaf ankämpfen. Die Rechnung ist einfach: In einer Stunde kriege ich 30 Blankopapiere fertig. Wenn ich eine Stunde schlafe, werden 30 Menschen sterben… und die Arbeit muss perfekt sein!“
Er kann bis 812 zählen, dann klappt er zusammen, am dritten schlaflosen Tag.

Kaminsk

 

 

 

 

 

 

Bildquelle: www.spiegel.de

In seiner kleinen Fabrik arbeiten sie meist Tag und Nacht, immer wenn der Bedarf da ist und der ist groß……  Kaminsky arbeitet mit einer Plattenkamera und einem kleinen selbstgebauten, zylindrischen Apparat in den er Staub und Bleistiftminen füllt, damit die Papiere schmutzig und gebraucht aussehen.
Er experimentiert mit einer neuen Aceton-Mischung: „Ich habe die Mixtur mit einem kleinen Messer auf das Papier geklopft, dann ist der Stempel einfach weggeflossen“, erinnert sich Kaminsky. „Dieser Stempel, der allen die größte Angst gemacht hat, war am leichtesten zu entfernen.“ Anmerkung: er meint den roten Judenstempel…..

Kaminsky2Bildquelle: www.spiegel.de

„Nie wieder Auschwitz“ wird für Kaminsky zum Credo: „Nie wieder Diktatur, nie wieder Rassismus.“ Und so stellt er ab 1961 seine Künste auch in den Dienst des algerischen Befreiungskampfes, gegen die Kolonialmacht Frankreich. „Ich habe gelernt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, so Adolfo Kaminsky. „Daran habe ich mich gehalten. Als Frankreich seine eigenen Prinzipien nicht mehr respektiert hat, habe ich getan, was ich für richtig hielt.“

Seinen Lebensunterhalt verdient Kaminsky als Fotograf – die beste Tarnung für sein Fälscherlabor. Er nimmt niemals Geld an für seine Fälschertätigkeit, obwohl ihn die Schulden oft erdrücken. Er sagt: „Wenn ich mich hätte bezahlen lassen, hätte man Forderungen stellen können.“
1962 verbrennt er sogar eine riesige Menge Flaschgeld. Er hatte massenhaft 100 Francs Scheine hergestellt um die französische Wirtschaft im Algerienkrieg zu destabilisieren. Doch es kommt zum Waffenstillstand, er vernichtet das Geld. 

Dokumente von der damaligen Zeit hat er keine mehr: „Nein, ich habe nichts notiert. Es war gefährlich, etwas aufzuschreiben, da man mich jederzeit hätte verhaften können. Meine Notizen hätten ja auch andere gefährdet. Alles befand sich in meinem Kopf. Meine Tochter war so klug, alle aufzusuchen, die noch am Leben waren, denn viele sind ja mittlerweile gestorben. Ich war der Jüngste in meinem Netz innerhalb der Résistance. Es gab ein wahres Blutbad. Enorm viele meiner Kameraden wurden verhaftet. Aber es war für uns selbstverständlich, dieses Risiko auf uns zu nehmen. Es ging nicht anders.“

  IMG_2509Adolfo Kaminsky ist stolz auf seine Tochter und darauf wie sie das Buch geschrieben hat. Sie hat die Erinnerungen ihres Vaters wie ein Tonbandprotokoll in Ich-Form geschrieben, trifft die einstigen Weggefährten. Von ihnen erhält sie auch Papiere zurück, die ihr Vater gefälscht hat.
Sie wollte nicht, dass seine Erinnerungen einmal mit seinem Tod verschwinden…..

Kam
Bildquelle: www.sudouest.fr

Sarah Kaminsky: „Adolfo Kaminsky, Ein Fälscherleben“
Verlag Ante Kunstmann

https://de.wikipedia.org/wiki/Adolfo_Kaminsky

http://www.3sat.de/

http://www.deutschlandfunk.de/meisterfaelscher-mit-hang-zum-humanismus

http://www.spiegel.de/fotostrecke/photo-gallery-saving-lives-with-false-papers-fotostrecke-72043.html

http://www.sudouest.fr/2013/02/18/l-incroyable-histoire-d-adolfo-kaminsky-969642-3327.php

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Biographien abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Antworten zu „Ein Fälscherleben“ von Adolfo Kaminsky

  1. Guylty schreibt:

    Wow, das klingt nach einem interessanten Buch. Mir sind beim Lesen deiner Review kalte Schauer über die Arme gelaufen. Danke für diesen Tipp.

    Gefällt 1 Person

  2. Myriade schreibt:

    Ich denke mir immer, dass es viele Menschen gibt, die in Extremsituationen wirklich heldenhaft agieren/ agieren würden. Hoffentlich täusche ich mich da nicht ..

    Gefällt 2 Personen

    • suzy schreibt:

      Ich glaube im Notfall gibt es viele Menschen die einfach über sich selbst hinauswachsen und nicht groß darüber nachdenken und einfach handeln, zum Glück.
      Wenn ich mir ansehe wie viele Ehrenamtliche zur Zeit Flüchtlingsauffangstationen aufbauen und die Menschen betreuen, oft bis zur eigenen Erschöpfung, bin ich sehr beeindruckt. Die kleinen und großen Helden des Alltags ❤

      Gefällt 2 Personen

  3. dorotheabluemer schreibt:

    Das hört sich so an, als ob die Wäsche mal wieder liegen bleiben muss…ich liebe biographische Bücher…bin dann mal kurz weg, Buch kaufen 😊

    Gefällt 2 Personen

  4. Esther schreibt:

    Wow, was für ein Leben! Hört sich fast an wie ein Film. Das muss ich irgendwann lesen, danke für den Buchtipp!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s