Deutschunterricht

Organisation ist alles, es lebe das Chaos!

So oder so ähnlich könnte man die Vorbereitungen für die Strukturierung der Deutschkurse in unserem Flüchtlingsheim beschreiben 🙂
Zum Glück hat sich herausgestellt, dass die Zahl der Analphabeten doch nicht so hoch ist wie angenommen. Das simple Eintragen einer Zuordnung von

D=kann das lateinische Alphabet lesen, spricht einigermaßen Englisch und/oder Deutsch, hat Ausbildung oder Studium
C=kann arabisch lesen & schreiben, lateinische Schrift ein wenig und war mind. 9 Jahre auf der Schule
B=kann arabisch lesen und schreiben und war wenige Jahre auf der Schule
A=Analphabet, kann nicht arabisch lesen oder schreiben

in eine Excel-Liste hat offensichtlich die Fähigkeiten der Dame/des Herrn völlig überfordert die/der die Zimmer abgegangen ist um die Daten der Bewohner zu erfassen. Oder der Dolmetscher hat falsch übersetzt?
Wie auch immer, offensichtlich wurde jedes Mal ein A eingetragen wenn irgendwas nicht eindeutig war, was bei uns zu der enormen Quote von fast 80% Analphabetismus bei den Frauen geführt hat.

Vor 3 Wochen sollten sich alle Bewohner, die am Deutschunterricht teilnehmen möchten, bei uns anmelden. Wir saßen 3 Stunden in der zugigen Kälte und haben die Personalien und Kenntnisse der langen Schlange vor der Tür, sprich der Lernwilligen, aufgenommen. Dabei zeigte sich ziemlich schnell, dass die Daten in der uns vorliegenden Liste mit der Realität nicht viel gemeinsam hatten. 🙂
Inzwischen haben wir 80 Anmeldungen von Erwachsenen ab 18, 20 davon sind wahrscheinlich teilweise? Analphabeten…….
Wir hoffen, dass alle Kinder und Jugendliche zur Schule gehen können, sonst müssen wir noch eine Schulklasse für ‚Jüngere‘ einrichten.

Es hat ein paar Tage und Diskussionen gedauert bis die Kurse zugeordnet waren. Zunächst wollte sich niemand zutrauen einen A-Kurs zu machen, dann sollten wir ihn übernehmen  (Augen zu und irgendwie wird es schon gehen), jetzt machen wir doch einen B-Kurs – mir soll es egal sein. Ehrlich gesagt habe ich persönlich nicht wirklich eine Ahnung wie der Unterricht ablaufen wird. Zum Glück hat meine Freundin vor vielen Jahren schon einmal Sprachkurse für Chinesen gegeben. Ich hoffe einfach, das sie das hier auch kann! 🙂
Ich habe zwar Grundschülern das lesen, schreiben und Grundrechnen beigebracht aber Deutschkurse für Flüchtlinge, das ist mir inzwischen klar, ist eine völlig neue Herausforderung. 😎

Und so sieht die lose Planung für unsere 1. Stunde so aus:
Wir haben 11 Schüler, fast gleich viele Männer und Frauen. Ehepaare wurden unterschiedlichen Kursen zugeteilt, damit immer einer auf die kids aufpassen kann. Vom Alter her sind sie 18-40 Jahre alt – bin gespannt!
Zuerst werden wir uns vorstellen. Dann sollen unsere ‚Schüler‘ sich vorstellen und lernen ihre Namen zu schreiben. Das werden sie für die vielen Formulare bestimmt gut gebrauchen können 🙂
Ich habe Grundschulhefte 1. Klasse besorgt,  3 Linien für Schreibschrift, das gibt einen Rahmen vor, wir werden aber Druckbuchstaben üben,

lineatur

als Hausaufgabe dürfen sie dann die erlernten Wörter so oft schreiben wie sie wollen/können 🙂 Das ist der Plan!

Und das ist die Realität:
In der ersten Stunde kamen 4 Personen (mit Kind, der malte aber ganz brav vor sich hin) die wir auf der Liste hatten. Dafür kamen noch 2, die unbedingt noch mehr Deutsch lernen wollen und wahrscheinlich noch in einen anderen Kurs gehen.
Ganz egal, wir haben uns über jeden gefreut und uns alle erstmal vorgestellt. Das mit der Aussprache ist nicht so einfach, das R wird von einigen verschluckt, beginnt schon mit Wort ‚Herr‘, das mehr wie Heh (das R verschwindet irgendwo im Rachenraum) ausgesprochen wird 🙂

Eigentlich hatten wir geplant unsere Schüler durchweg zu siezen, aus Respekt und überhaupt. Das war dann aber ein ziemlich lustiges Chaos, da wir von unseren Schülern durchweg geduzt wurden und ich selbst zwischen Du und Sie gewechselt habe. Für die nächste Stunde habe ich mir vorgenommen konsequent (Du oder Sie????) zu sagen 🙂

Diese erste Stunde war lustig, interessant, unvorhersehbar, ein Austausch mit Händen und Füßen 🙂
Zum Glück spricht eine der Frauen einigermaßen Englisch, lateinische Buchstaben kann sie dennoch nicht wirklich schreiben, aber sie hat vieles für die anderen übersetzt.
Wir haben uns vorgestellt, wissen wie viele Kinder alle haben und geübt die Namen auszusprechen, ja ich auch! Arabisch ist nicht so einfach! Dann war das Schreiben dran, abschreiben war nicht allzu schwierig, bis ich die Blätter umgedreht habe und sie ihren Namen auswendig schreiben sollten, ja ein bisschen gemein muss sein 🙂
Ich habe fast gelernt wie man meinen Namen auf arabisch schreibt. Meine eigenen Bemühungen wurden von meinem Schüler mit einem leidvollen Lächeln abgenickt, daraufhin malte er mir auf die Rückseite meines Namensschildes folgendes:

IMG_2862das dürfte Susanne heißen :mgreen:

Demnächst gibt es ein Intensivwochenende ‚Arabisch lernen‘ bei uns an der Volkshochschule, 🙂 ja ich überlege ob ich mich anmelden soll. Wieso sollen eigentlich nur meine Schüler lernen? Da Ihr aber wisst, wie gut ich Fremdsprachen kann, dürft Ihr gerne herzlich lachen ❤

Vorgestern Abend hatten wir die zweite Deutschstunde. Bis zum umfallen durchgeplant, da es beim ersten Mal so chaotisch war 🙂
Es kamen – ganz pünktlich – 4 Teilnehmer!
Das war uns dann doch ein bisschen zu wenig und ich habe mir die Liste geschnappt um die Zimmer abzugehen um meine säumigen Schüler/innen an ihren Kurs zu erinnern. Meine Freundin hat dann schon mal mit dem Alphabet angefangen, denn das hatten wir für die 2. Stunde geplant.
Ich klopfte mich durch die verschiedenen Zimmer auf meiner Liste und habe zum Glück immer jemanden gefunden, der/die meine Hinweise auf den gerade eben stattfindenden Kurs übersetzt haben. Meist Kinder und unseren – gerade die sanitären Anlagen putzenden Dolmetscher, sprich der Einzige im Haus der perfekt Englisch spricht.
Bis auf eine Frau, die meinte sie hätte schon einen Kurs, waren alle begeistert und wollten dann auch gleich kommen. Und sie kamen auch, eine dreiviertel Stunde zu spät und haben dann noch ein paar Menschen mehr mitgebracht. So hatten wir dann plötzlich 13 Leute im Kurs sitzen, der kleine Raum war voll und wir haben Unterrichtsmaterialien verteilt (die Kopien haben gerade so gereicht) und Sprachübungen gemacht.

Es gibt Schüler/innen die großen Spaß am Lernen haben. Die jedes Wort sofort wiederholen, sich an der Mehrzahl versuchen, alles aufschreiben, kommentieren und nein das stört nicht! Bei fast jedem Wort hat sich eine lebhafte Diskussion ergeben warum gerade der Artikel passt und wieso die Mehrzahl so und nicht anders heißt…..
Es gibt aber auch Schüler die mich mit großen Augen anschauen und den Mund nicht aufmachen. Eine junge Frau, die direkt vor mir saß, hat zwar brav unter alle Bildchen den arabischen Namen geschrieben aber gesagt hat sie erstmal nichts. Also habe ich mich auf ihre Augenhöhe begeben und sie alles nachsprechen lassen. Mit der Zeit hat sie Angst verloren 🙂
Wir haben uns dann aufgeteilt, einer vorne im Raum, einer hinten um zu sehen ob auch alle mitsprechen.
Mir ist schon klar, dass die Menschen die Wörter nur auswendig lernen. Obwohl wir alle Wörter an die Tafel geschrieben haben kann noch keiner die Wörter wirklich lesen. Auch ist mir als Laie, noch nicht wirklich klar wie man den Menschen vernünftig erklärt warum das mit der Einzahl – Mehrzahl, oder die Zuordnung von der, die, das nicht unbedingt bestimmten Regeln unterliegt.
der Apfel – die Äpfel

die Ente – die Enten
das Mädchen – die Mädchen

immer diese Ausnahmen! Oder warum die Aussprache mal hart und mal weich ist. Ich denke, meine Freundin kann das erklären, sie ist hier der Profi! Für die ersten Stunden geht das noch zu weit.
Aber ein paar Wörter konnten sie sofort: Computer und Waschmaschine, davon gibt es zu wenig im Heim, meinten sie und sie haben recht. 10 Maschinen für über 300 Menschen ist zu wenig 😦
Zusammenfassung der 2. Stunde: es hat riesig Spaß gemacht, das Lernen und die Kommunikation funktioniert irgendwie v.a. im Dialog (wie meistens) da irgend jemand immer den Sinn des Wortes begreift den anderen erklären kann was es bedeutet 🙂 Frontalunterricht wäre eine Katastrophe und langweilig.
Ich war fix und fertig freue mich aber riesig auf die nächste Stunde, auch wenn wir alles wiederholen müssen und den Versucht wagen den kommenden Karneval zu erklären 🙂
Helau!

Ja, Deutsch ist schon echt schwer 🙂 wie folgendes Video zeigt:
https://www.babbel.com/en/magazine/how-to-pronounce-these-tricky-german-words-perfectly

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16 Antworten zu Deutschunterricht

  1. CraMERRY schreibt:

    Unglaublich! Das liest sich wie ein Fortsetzungsroman! 🙂
    Ihr seid wirklich gut. Respekt. Ich habe meinen Hintern noch nicht hochgekriegt…..

    Gefällt 1 Person

    • suzy schreibt:

      Oje! Ich wollte keinen Fortsetzungsroman schreiben! Da geht mir bestimmt irgendwann das Thema aus, wenn sich hoffentlich irgendwann mal alles eingespielt hat 🙂
      Und es macht einfach große Freude! Es kommt soviel Motivation zurück!!

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  2. Guylty schreibt:

    Klingt sehr sehr spannend. Und ja, eine absolute Herausforderung ist das Ganze. Ich denke, der Knackpunkt wird sein, die Motivation immer schön aufrechtzuerhalten. Mit dem persönlichen Ansatz seid ihr da genau auf dem richtigen Weg. Wenn man sich „kennt“, dann ist es viel schwerer, als Schüler „auszusteigen“, denn man möchte den Lehrer nicht enttäuschen.
    Ich persönlich bin übrigens nicht überzeugt von dem Ansatz, sich zu stark auf Grammatik zu konzentrieren. Ob nun Äpfel oder Apfeln – im Kontext, v.a. in Verbindung mit einem Zahladjektiv oder einer Zahl, ist doch klar, was gemeint wird. Mir persönlich wäre es wichtiger, die Leute innerhalb einer überschaulichen Zahl von Wochen zu einem funktionsfähigen Verständigungsdeutsch zu bringen. Da ist mir z.B. der damit verbundene kulturelle Hintergrund viel wichtiger (beispielsweise die Sache mit dem Siezen – ist zwar für euch blöd im Kurs, eben weil man ein persönliches Verhältnis braucht, aber im Alltagsumgang m.E. wesentlich wichtiger als die richtigen Endungen am Verb).
    Klasse finde ich auch, dass ihr das alles in der Lebensrealität eurer Schüler verortet. Das ist extrem wichtig.
    Und über das „Auswendigsprechen“ würde ich mir an eurer Stelle keine Gedanken machen – so funktioniert die Erstbegegnung mit einer Fremdsprache doch meistens und hat noch den schönen Nebeneffekt, dass die Schüler das Gefühl haben, sie *sprechen* die Fremdsprache (auch wenn sie sie nicht verstehen). Das motiviert und nimmt auch die Hemmungen, seine Zunge um die neuen Laute herumzuwinden.
    Wünsche euch weiterhin viel Erfolg und Spaß dabei!

    Gefällt 2 Personen

    • suzy schreibt:

      Das größte Problem für uns wird irgendwann sein, dass die Schüler wechseln werden. Mit einen bewilligten Asylantrag können (und sollen) sie zur Volkshochschule gehen. Da haben sie dann deutlich mehr Stunden und können schneller Deutsch lernen. Oder/und sie ziehen irgendwann in eine Wohnung, was ja auch sehr wünschenswert ist 🙂 Bis zum offiziellen B-Level werden glaube ich 1.200 Stunden veranschlagt, das können wir Ehrenamtliche ja gar nicht leisten. Und bis zum B1, das sie z.B. für eine Einbürgerung brauchen sind es fast 2.000 Stunden. Das geht nur über die offiziellen Schulen. Wir leisten einfach nur ein bisschen Vorarbeit, bis sie ‚offiziell‘ sind oder (im schlechten Fall) zurück müssen. Theoretisch müssen jetzt alle Afghanen in ihr ’sicheres‘ Herkunftsland zurück 😦

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    • suzy schreibt:

      Und ich stimme Dir völlig bei Grammatik und Artikel zu! Ich finde es wichtig, dass sie einkaufen, sich bei Behörden verständigen können oder wissen wie es im Straßenverkehr zugeht! Ganz egal wie der Artikel oder die Endung ist. Aber unsere Koordinatorin legt großen Wert darauf, also behandeln wir es ganz korrekt mit. Ich bin aber auch nicht der Experte 🙂

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  3. Martina Ramsauer schreibt:

    Liebe Suzy, das hoert sich wirklich wie eine Geschichte aus einer anderen Welt an. Da ich deine Freude spuere wuensche ich dir und allen Beteiligten gutes Gelingen und toi, toi , toi🍀

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    • suzy schreibt:

      Danke liebe Martina für Deine Wünsche! Du hast recht, für unser sonst so wohlorganisiertes und durchstrukturiertes Deutschland ist es eine völlig andere Welt. Unglaublich, dass es so drunter und drüber geht und immer noch kein Konzept, keine Struktur besteht oder es zumindest ein zentrales Erfassungssystem für alle gibt 😦

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  4. Servetus schreibt:

    As Guylty says above — siezen is easier for us, then we only have to know the verb, not conjugate it. 🙂 I also agree with her about the questions of singular / plural. If you’re a native speaker, you just know these things (you acquire them naturally), and if you’re not, and you say Apfel when you mean Äpfel or whatever, a native speaker will know what you meant most of the time.

    I had five semesters of German before I landed in Germany, and I did okay in academic settings, but daily interactions were more confusing. The two things I really didn’t know and needed badly on a day to basis were interactions in shops (how do I order cheese at the cheese counter? what do I call the different bakery items?) and giving and especially understanding directions. Wo geht’s lang zum … and so on. The latter was especially challenging.

    I’m glad you’re doing this — and think it must be quite exhausting! I admire your initiative to learn some Arabic — it makes you seem more humane and puts you on a more level footing with your students.

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    • suzy schreibt:

      Thank you for your own experiences. It´s always interesting for me to hear about the impressions of somebody who stands „on the other side“ 🙂 In my opinion it´s important for them to handle their daily live: to shop, the deals with the public authority, the traffic, to go to the doctor……
      And I´m always curious of new languages even I am NOT linguistically talented 😦

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      • Servetus schreibt:

        I hope they can deal with the Behörden — I dunno. It took me about four years to feel confident about that. Until then I always asked a friend to figure out what was going on, or go along with me just in case. Hopefully the government will hire a few Arabic interpreters (but having dealt with the Ausländerbehörden off and on for fifteen years, I’m not optimistic about how that will work).

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    • suzy schreibt:

      No, unfortunately there is no support of the Ausländerbehörden. We have to manage this for ourselves 😦 there is no money, no staff……

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  5. Herba schreibt:

    Hut ab Suzy, ich finde Dein Engagement großartig! Und würde mir wünsche, dass deutsche und europäische Politiker auch mal aktiv mehr tun und sich gegenseitig weniger Vorwürfe machen!

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  6. Esther schreibt:

    Das hört sich toll an, Suzy! Wirklich super wie Du das alles so machst! Kann mir aber auch vorstellen, daß es sehr ermüdend ist. Arabisch lernen – das hat mein Vater auch noch in seinen letzten Jahren versucht! 🙂 Ich kann nur einige Worte, die gebe ich Dir mal mit, vielleicht ein schöner Anfang… oder vielleicht kennst Du diese alle schon?
    shukran = danke
    achlahn wa sachlahn = willkomen
    merhaba = hallo (weiss aber nicht, ob das hier die Türkische oder Arabische Aussprache ist)
    la = Nein
    aiwa = Ja
    salam aleikum = Frieden sei mit Dir, eine normale Arabische Begrüßung und man antwortet mit ‚wa aleikum salaam‘
    ab = Vater
    um = Mutter
    🙂

    Gefällt 1 Person

  7. Pingback: Fellow Richard Armitage fan has written about volunteering in refugee shelters | Me + Richard Armitage

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