Stärken und Schwächen

Beim aufräumen und ausmisten all der vielen Dinge die sich in den letzten Jahren so angesammelt haben, ist mir ein Buch in die Hände gefallen, das mir vor 25 Jahren schon den ein oder anderen neuen Blickwinkel auf menschliche Eigenschaften ermöglicht hat.
Zärtliches Tempo“ von Harriet Goldhor Lerner.
Sie analysiert und betrachtet zwischenmenschliche Beziehungen und Abhängigkeiten, nicht nur die von Paaren und Partnern sondern auch Eltern-Kind-Strukturen  oder die oft komplizierten Beziehungen zwischen Freunden/innen.

Damals schon habe ich mir einen Abschnitt unterstrichen, der für mich sehr viel Realität beinhaltet. Die Autorin erzählt über ein Treffen ihrer Frauengruppe, alle Damen hatten schon recht viel getrunken und frau sagte sich dann reihum, was sie aneinander am meisten und am wenigsten schätzten. Und interessanterweise stellte sich heraus, dass es sich bei den besten und schlechtesten Eigenschaften, die bei jeder Frau genannt wurden, um ein und dasselbe handelte, oder genauer gesagt um verschiedene Varianten desselben Themas.

Quelle: https://media.giphy.com/media/EGn7vfYIcDrcA/giphy.gif

Wenn bspw. die Tendenz einer Frau sich in der Gruppe ständig in den Mittelspunkt stellen zu müssen als ihre schlechteste Eigenschaft angesehen wurde, so galt ihre energiegeladene und amüsante Art auch als ihr bester Zug 🙂
Frau Lerner stellt die These auf, dass unsere Stärken und Schwächen keine Gegensätze sind, sondern nur polare Erscheinungen ein und derselben Kraft.

Und damit hat sie recht, finde ich, denn auch ich habe schon oft genug festgestellt, dass meine Eigenschaften die von den einen sehr positiv gesehen werden, auch die Eigenschaften sind, die andere wiederum am meisten kritisieren.

Was sich schon fast aufdrängt ist meine leidige Eigenschaft mich für Dinge oder Menschen einzusetzen. Das fing vor vielen Jahren an, als ich mich mit viel Energie für die Modernisierung und den Umbau unseres Kindergartens einsetzte, da die Kinder sich weigerten die 60 Jahre alten Toiletten zu benutzen, die dank der alten Rohrleitungen ziemlich gestunken haben 😦 Damals habe ich so viel negative Rückmeldungen für ein an sich positives Projekt erhalten, dass ich mich heute noch sehr gut an die ein oder andere spitze Bemerkung erinnern kann 😦
Heute setze ich mich für Flüchtlinge in unserem Stadtteil ein und wieder ist es das gleiche. Hier auf dem Blog bekomme ich zum Glück nur positive und bestärkende Rückmeldungen von Euch. Im Privatleben sieht dies jedoch ganz anders aus. Die leidigen Diskussionen mit meinem Mann sind jetzt zum Glück beendet, aber auch von Freunden kommen Kommentare wie „wieso opferst Du Dich denn da so auf?“, „Du mit Deinem Helfersyndrom“ und noch einiges mehr. Ich gehe davon aus, wenn ich mich irgendwann einmal für diese Freunde einsetzen werde/muss, sehen sie das völlig anders 🙂
Sie wollen nicht verstehen, dass ich mich nicht opfere, nicht verausgabe, sondern dass es ein sehr befriedigendes Gefühl sein kann, anderen Menschen, die nicht mit dem Glückskeks im Mund geboren sind wie wir, tatsächlich helfen zu können. Und ich mag noch so müde von Tag in meinen Deutschkurs gehen, wenn ich zurückkomme bin ich motiviert und jedes Mal gut drauf. ❤

Außerdem lamentiere ich nicht gerne rum. Wenn ich mir Ziele setze und versuche etwas zu erreichen probiere ich es aus. Direkt und manchmal ein bisschen zu schnell und unüberlegt. Menschen die gerne rumjammern und nie zu einem Ergebnis kommen, gehen mir furchtbar auf den Keks! Manchmal führt das nicht immer zum gewünschten Ergebnis aber ich habe es wenigstens versucht und oft ist der Weg das Ziel. Ich erinnere mich gerne an eine kurze Rundreise durch Irland um einen Blick auf einen bestimmten Herrn werfen zu können. Die Reise war trotz der Abwesenheit des Herrn=das Ziel absolut lohnenswert!
Aber ich schweife ab – diese Eigenschaft ein Ziel erreichen zu wollen bringt mir oft die Kritik ein, sehr dominant zu sein und immer meine eigenen Wege gehen zu wollen.
Ganz egal wie man es sieht mir fallen bestimmt noch viele Eigenschaften mehr ein, die andere positiv und negativ gleichzeitig an mir sehen können!

Und aus diesem Grund frage ich Euch einfach mal, was sind Eure Eigenschaften die sowohl eine Stärke als auch eine Schwäche Eurer Persönlichkeit sind?
Bitte einfach mal darüber nachdenken, vielleicht die beste Freundin fragen – und ich würde mich natürlich riesig freuen, wenn Ihr etwas dazu kommentieren würdet!

Und jetzt gucke ich Island gegen Frankreich 🙂

Die Textzitate stammen aus:
Harriet Goldhor Lerner, „Zärtliches Tempo“ Wie Frauen ihre Beziehungen verändern ohne sie zu zerstören……
Fischer Taschenbuch Juni 1992

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24 Antworten zu Stärken und Schwächen

  1. Servetus schreibt:

    I think some people do just have a „helper personality,“ and often those people get burnt out. Hard to understand if you don’t have it. I grew up in a family where we are all this will and the downsides are really frustrating. Sometimes it seems like everyone else’s problems are addressed except ours.

    re: me — intensity. I’m really intense.

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    • suzy schreibt:

      I often heard that Flüchtlingshelfer are burn out after after some time. The repeating discussions with the social office are frustrating and nerve racking. The searching for a flat and nobody wants to give them a real new home. But it feels so good to achieve a success, even it´s a little one 🙂 Still, I have the power….
      And yes, I think you are really intense, with all advantages and disadvantages!

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  2. Myriade schreibt:

    Ich bin zielorientiert, manche finden das penetrant 🙂

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  3. CraMERRY schreibt:

    Ich bin grauselig schwatzhaft, habe aber auch einen gewissen Unterhaltungswert. Thema: Mundwerk als Waffe 😁 Fluch und Segen zugleich.

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  4. Martina Ramsauer schreibt:

    Dein Beitrab gibt mir wirklich Mut, dass auch meine schlechten Seiten von gewissen Menschen positiv gewertet werden. Also, allen Leuten recht getan ist eine Kunst, die niemand kann. Viel Spass beim Fussball.:)

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  5. roerainrunner schreibt:

    Ja, so sehe ich das auch.
    Dazu kommt doch, dass Menschen unterschiedliche „Bedürfnisse“ an Mitmenschen haben. Der eine mag z.B. introvertierte Personen und findet das gut, der andere braucht extrovertierte. Sowas wie eine „Standard-Super-Persönlichkeit“ gibt es also eh nicht – irgendwer wird einen immer mögen und irgendwer wird einen immer nicht leiden können.

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  6. Paleica schreibt:

    das ist ja eine total spannende hypothese. das hat mir grade denkstoff geliefert. danke!

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  7. Esther schreibt:

    Ah ja, so eine Theorie habe ich schon Mal gehört und ich glaube die stimmt! Ich habe auch in einem Workshop mal gelernt, das wenn jemand das gegenüber gestellte ist von Deiner Energie, die Person dann auch Deine Allergie ist.
    Bei mir wäre diese Energie glaube ich Toleranz. Klingt ganz toll, ist es aber nicht immer! Ich habe nämlich verständnis für fast jeden Menschen, kann auch mit sehr verschiedenen Menschen gut umgehen. Viele finden das Toll aber die Toleranz wird auch manchmal ausgenutzt und ich gebe manche Menschen vielleicht mehr Chancen, wie sie verdienen. Ich kann nicht ‚hart‘ genug sein anderen gegenüber, und das ist schon schwierig, vor allem wenn man Leiterin einer Abteilung ist! Ich habe mich auch entschlossen, nie mehr so eine Leiterin zu sein, ich bin einfach zu ’soft‘ dafür.
    Die grenze der Toleranz liegt für mich bei Menschen die keine Toleranz gegenüber andere zeigen (ich denke so an ISIS, oder Farrage und solche Personen im ‚richtigen‘ Leben die immer eine Gruppe Menschen als nur miese ansehen). Ich hatte mal eine Kollegin die mir wirklich auf die Nerven ging. Ich habe alles probiert um mich näher an sie zu fühlen bis ich herausfand das sie sich in meiner „Allergie“-Zone“ befindet. Wo ich zu viel Toleranz habe, hatte sie zu wenig. Sie war extrem Ich-zentriert und hatte eigentlich keinen Gefühl für andere, und damit kann ich nicht gut klarkommen.

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    • suzy schreibt:

      Energie und Allergie – das ist ein schönes Wortspiel, und du hast bestimmt recht! Mit der Toleranz geht es mir wie Dir, ich lasse es immer ein bisschen zu weit gehen, bin eher zu tolerant. Und das wird gerne ausgenutzt 😦 Bis es mir dann irgendwann reicht und ich richtig sauer werde……

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  8. Aktion Morgenluft schreibt:

    Ein schöner Text. Ich bin zuweilen ein wenig impulsiv, dafür aber weiß ich aber auch, was ich will! Beides benötigt viel Energie. Deine ist dort gut aufgehoben, wo du sie haben willst. Lass dich nicht beirren!

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  9. Hariclea schreibt:

    Ich gaube die Autoren haben wirklich Recht, unsere starksten Eigenschaften oder sagen wir mal eher die ausgepragtesten haben sicher beides positive und negative Seiten. Und ich finde es auch gut dass wir uns um Selbstkenntnis bemuhen, um auf die positiven Sachen zu bauen und zu versuchen die negativen Seiten in Grenzen zu halten. Ich finde es eigentlich nie leicht aber sich dessen bewusst zu sein hilft denke ich. Ich wiess ich mag Neues und gehe leidenschaftlich auf Sachen zu, besonders wenn es um Problem losen geht oder generall Hand anlegen. Aber das kann auch rucksichtslos sein weil man bei dem Drang manchmal die anderen vergisst oder vernachlassigt. Es ist ein standiges Hin und Her, von jung auf alles unterdrucken dann irgendwann lernen die eigene Person zu sein , so wie man halt ist und dann zu lernen es zu moderieren, vor allem weil man anderen weder zu nahe noch auf die Fusse treten will. Aber es ist ein standiges Uben, weil man im Kopf genau weiss alle Meinungen gelten gleich, aber man seine Impulsivitat zahmen muss. Man muss sich bemuhen und auch versuchen dran zu denken wie die anderen einen sehen und wahrnehmen, denn es ist oft sehr verschieden wie wir uns selber sehen.
    Aber ich wurde sagen sich um andere zu bemuhen ist es immer wert 🙂 Naturlich ist man verletzlicher wenn man von sich gibt, aber ich denke da wie du, im Endeffekt ist es immer wert auch wenn man manchmal enttauscht wird oder auch mal andere enttauscht:-)

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