Freunde?

Es ist endlich soweit. Nach fast einem Jahr des Wartens trudeln jetzt täglich die positiven Bescheide bei uns im Heim ein. Manche Flüchtlinge haben 3 Jahre Aufenthalt, viele nur ein Jahr Aufenthalt bekommen. Normalerweise kein Problem, in einem Jahr befinden sich fast alle im Studium, der Ausbildung oder haben einem Job, für diejenigen jedoch die ihre Familie nach Deutschland holen wollen ist es eine Katastrophe. Das dürfen sie mit einem Jahr Aufenthalt nicht mehr und hier stehen schon die nächsten Probleme an 😦
Ich habe meinen Kalender im Büro aufgemacht und arbeite schon seit letzter Woche durch. Stressig, aber positiver Stress. Jeder der mit einer Verpflichtung aus meinem Büro geht und endlich einen Kurs besuchen kann, ist einen Riesenschritt weiter.
Aber schreiben wollte ich heute eigentlich über ein ganz anderes Thema…..

Zur Zeit hadere ich mit Definitionen die einfach so verwendet werden und die mir so gar nicht gefallen.
Beispiel: Meine Flüchtlinge! Sorry, für das „Meine“ denn sie gehören definitiv Niemandem, schon gar nicht mir…….. 😦

Was ist die Definition von Flüchtling?
Nach der Genfer Flüchtlingskonvention gilt als Flüchtling eine Person, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt“.
Wikipedia schreibt dazu noch: „Als Flüchtling bezeichnet man eine Person, die ihre Heimat gezwungenermaßen verlassen musste und in absehbarer Zeit nicht dorthin zurückkehren kann. In der Regel flüchten diese in ein Flüchtlingslager oder in ein urbanes Zentrum eines Nachbarlandes um dort Asyl, Schutz und Unterstützung zu suchen.“

Tatsache ist, dass viele Flüchtlinge schon seit gut einem Jahr hier in Deutschland sind. Dass sie bisher nicht wirklich angekommen sind liegt nicht an ihnen, sondern an uns. Wir haben sie in Heime gesteckt und ihnen nicht die Möglichkeit zur Integration gegeben. Für mich sind sie keine wirklichen Flüchtlinge mehr, das ist schon zu lange her. Aber wie lange ist jemand ein Flüchtling? Was wäre nach über einem Jahr eine treffende Definition? „Angekommene„? Nein auch noch nicht. „Wartende“ – das würde es besser treffen.
Aber was für eine schreckliche Bezeichnung! Wartend auf was? Das das Leben endlich wieder lebenswert wird? Mit einer eigenen Wohnung? Mit Privatsphäre? Mit einem selbstbestimmten Leben?

Ich bin privat oft mit meinen Flüchtlingen unterwegs. Beim Arzt, beim Sozialamt, einkaufen……
Wenn wir beim Arzt sind wird meist gefragt in welchem Verhältnis ich zu dem Patienten stehe. Klar- Datenschutz und Privatsphäre. Und ich weiß jedes Mal nicht was ich darauf antworten soll. Die richtige Bezeichnung, die ich dann auch meist verwende, ist „ehrenamtlicher Betreuer/in der Caritas“. Ganz ehrlich? Die Definition ist doch ein Unding!
Hier handelt es sich um Menschen die zuvor ein selbstbestimmtes Leben gelebt haben. Die in keinster Weise betreut werden müssten wenn wir und unser bürokratisches System sie nicht zu Kindern degradieren würden 😦 Wir haben sie für unmündig erklärt und weil die Ämter, Ärzte etc. sie auch so behandeln, brauchen sie „Betreuer“ wie mich. Ich habe erlebt, dass erwachsene Menschen von 22 Jahren beim Sozialamt durchweg gedutzt werden. Da blieb mir dann doch einfach mal die Spucke weg. Sie stehen in einer Schlange und müssen vertrauliche Gespräche zwischen Tür und Angel führen. Als ich darauf bestehen wollte für ein vertrauliches medizinisches Gespräch die Tür zu schließen sagte man mir dann müsse ich warten bis alle anderen durch wären. Darauf habe ich dann doch verzichtet…..

Aber zurück zur Bezeichnung eines Abhängigkeits-Verhältnisses, das für mich nicht wirklich zu definieren ist.
Ich möchte kein Betreuer sein! Ich will erwachsene Menschen nicht betreuen müssen, weil sie alleine in unserem System kein Gehör finden. Weil es keine Dolmetscher in den meisten Ämtern gibt, so dass sie sich nicht selbst äußern können, Briefe nicht zugestellt werden weil sie offiziell im Heim keinen eigenen Briefkasten haben und noch so vieles unglaubliches mehr……

Meine Hoffnung ist, dass vielleicht auch in einem Jahr, wenn sie eine eigene Wohnung haben und sie genug Deutsch sprechen, verstehen um ihren Alltag selbstständig meistern zu können, immer noch ein Kontakt besteht. Dass sie mich nicht nur brauchen um hier Fuß zu fassen und gehört zu werden.
Denn dafür habe ich viele von ihnen inzwischen viel zu gerne und ich würde sie nur zu gerne als Freunde bezeichnen. Aber bin ich das auch für sie?

Ich wäre schon sehr enttäuscht, wenn der Kontakt abbrechen würde sobald sie meine Unterstützung nicht mehr benötigen. Ich wäre enttäuscht – aber ich könnte es verstehen 😦
Ich wäre allerdings unendlich stolz vielleicht irgendwann eine Freundin zu sein ❤

Genießt den wunderschönen Herbsttag!
peantus

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21 Antworten zu Freunde?

  1. BAC schreibt:

    DANKE für die stets konstruktiv-kritischen Schilderungen deiner echten, empathischen Arbeit, für die immer wieder tollen Beiträge, für deine Perspektive! Was hälst Du von „Begleiter/in“? Haben sich nicht diejenigen, die Dir als Erwachsene vertrauensvoll begegnen, nicht längst dich als Coach oder gar (potenzielle/n) Freund/in gewählt? Egal wo, wann, mit wem: Wenn wir jemandem offen begegnen, kann aus einer kleinen eine große Freundschaft werden; das ist nie absehbar. Solange ist man aber jemand, der wie Du ein Stück des Weges mitgeht, vielleicht den unbekannten Weg weist und, wenn man angekommen ist, schon ein/e Freund/in geworden sein kann, zumindest aber eine gute Erinnerung nach vielen grausamen und in einer existenziell schwierigen Situation. Alles Gute für dein beeindruckendes Engagement.

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    • suzy schreibt:

      Liebe B., schön, dass Du endlich mit kommentierst, das freut mich riesig ❤
      Ja, Begleiter ist ein wesentlich besseres Wort als Betreuer, das werde ich beim nächsten Arztbesuch wählen 🙂 und eine schöne Erinerung wird es auf jeden Fall sein, egal in wie vielen Jahren ich mich daran erinnern werde und auch egal ob sich der Kontakt hält oder nicht……. ich werde auf jeden Fall mal einen Blogpost in einem Jahr terminieren 🙂

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  2. Herba schreibt:

    Ich finde das von BAC vorgeschlagene ‚Begleiter‘ auch gut gewählt und ich bin gespannt, was Du in einem Jahr über die Menschen zu berichten hast, die du dann schon so lange begleitest!

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  3. Servetus schreibt:

    Finally. After almost a year of waiting, the positive notices are trickling over to us in the refugee shelter. Some refugees have been given 3 years‘ residence, many only one year. Normally that’s no problem — within a year, almost all of them will be studying, doing an apprenticeship or other education or will have a job — but for those who want to bring their family to German with them it is a catastrophe. With only one year of permission to remain they are not allowed to do that any more, and so the next problems are already developing.
    I have opened my calendar in the office and have been working nonstop since last week, already. It’s stressful, but positive stress. Each one of them who leaves my office with the obligation to take a class and thus can finally get into one, has taken a huge step further.
    But I actually wanted to write about something completely different…..

    At the moment, I’m wrestling with definitions that just get used but which I don’t at all like.
    For example: my refugees! Sorry for the „my,“ because they definitely don’t belong to anyone, let alone to me. ……..😦

    What is the definition of a refugee? Was ist die Definition von Flüchtling?
    According to the Geneva Refugee Convention, a refugee is a person who finds themselves outside the country of their citizenship, out of justified fear of persecution due to their race, religion, natlonality, membership in a particular social group or out of political conviction.
    Wikipedia adds: „One designates as a refugee a person who was forced to abandon their home and will not be able to return within the foreseeable future. As a rule, such people flee to a refugee camp or to the urban centers of neighboring countries in order to seek asylum, protection, and support there.“

    It’s a fact that many refugees have already been here in Germany for a good year. It’s not their fault that they haven’t really arrived, but ours. We’ve put them in shelters and we haven’t given them the chance to integrate. For me, they’re not really refugees anymore; it’s been too long. But how long is someone a refugee? What would be an accurate definition after over a year? „Arrivees“? No, they’re not that yet, either. „Waiters“ — that would fit them better.
    But what a horrible label! Waiting for what? That life is finally worth living again? With their own residence? With some private space? With a life that they control themselves?

    I go around with my refugees quite a bit. To the doctor, to the social services office, shopping ……
    When we’re at the doctor, I am usually asked about my relationship to the patient: Of course: privacy laws and private spheres. And I never know what I should say. The correct label, that I usually use, is „volunteer caregiver / in charity.“ Honestly? That definition is absurd!

    We’re talking here about people who used lead independent lives. Who don’t need to be cared for, if we didn’t degrade them to the status of children with our bureaucracy. We’ve made them into minors and because the government offices, doctors and so on treat them that way, too, they need „caregivers“ like me. I have seen grown people of twenty-two years old be addressed as children in social service offices. [Using the form of speech in German reserved for children or very close friends — Serv.] I was so astounded I lacked the power to speak. They stand in line and have to hold confidential conversations casually, in public. Once, when I wanted to insist that a door be closed for a confidential medical conversation, I was told that we would have to wait until other people were done first. So I gave up …..

    But back to the question of the label for a relationship of dependency, that I can’t really define.
    I don’t want to be a caregiver! I don’t want to have to take care of grownups because no one in our system is listening. Because there’s no interpreter in most of the offices, so that they can’t express themselves on their own; because official letters can’t be delivered because they don’t have a private letter box in the shelter and so many other unbelievable things ……
    I hope that, maybe in a year, when they have their own apartments and they can speak enough German and understand it enough to master their own everyday lives, that we will still be in contact. That they don’t need me only to get themselves started here and to be heard.
    Because for that I like many of them way too much and I would like to call them friends. But am I that for them, too?
    I would be sad for the contact to break off as soon as they no longer need my support. I would be disappointed, but I could understand it. 😦
    But I would be unbelievably proud to be a friend to these people sometime, maybe.❤

    Enjoy the wonderful fall day!

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  4. Pingback: Quietly moving: Suzy ponders her relationship with “her refugees” #richardarmitage | Me + Richard Armitage

  5. Esther schreibt:

    Ja, ‚Begleiterin“ gefällt mir auch besser.
    Sie werden bestimmt nicht alle Freunde werden, aber einige vielleicht schon; ich hoffe es für Dich! (((Hugs)))

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  6. Hariclea schreibt:

    ohhh… gute Neuigkeiten oder wenn sich die Sachen endlich bewegen kann einen sentimental werden lassen, bevor die Realitat mit all den praktischen Anforderungen wieder reinplatzt 🙂 Du hast recht, die Leute brauchen mehr einen Freund als jemand der fur sie spricht im Sinne von Verantwortung. Das Systhem hat seine Macken und es gibt immer Platz fur mehr Hilfe und Organisierung und ich denke eben deshlab werde die Leute zu schatzen wissen dass du als Freund agierts 🙂 Ich bin mir sicher sie erkennen den Unterschied und sie werden es auch nicht vergessen. In dieser Umwelt von totaler Unsicherheit in dem alles unbekannt ist , vor allem die Zukunft ist eine offene, freundliche und verassliche Hand Gold wert. Nicht alle Leute konnen das immer offen ausdrucken aber sie wissen und schatzen es und du wirst sicher auch ein paar Freunde furs Leben gewonnen haben 🙂

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    • suzy schreibt:

      Ich weiss es nicht. 🙂 Klar es geht alles besser wenn jemand dabei ist der weiss wie die Mühlen in D so mahlen und die Abläufe kennt. Aber ich hoffe immer dass es nicht nur das ist, sondern dass sich wirklich Freundschaften entwickeln. Aber geht das wenn eine Seite die deutlich abhängige ist?

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      • Servetus schreibt:

        I can give you my perspective on becoming friends with former students — it does happen. However, the professor has to let go of the power / control of the bounds of the relationship (which is usually not the problem), and the student has to adapt or allow to change what is often a very idealized picture of the professor. Sometimes former students ask to friend me on FB and I say, okay with the proviso that you will see a much more complete picture of who I am than you do in our interactions up to now. Not just funny things like how much I like beer but also the full range of my political opinions. It’s a challenge, but nonetheless it still happens.

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        • suzy schreibt:

          Ganz lieben Dank für Deine Erfahrungen. Als Prof ist man/Frau natürlich die Respektsperson und der Student hat schon alleine eine Distanz aus Respekt.
          Einen Vorteil habe ich da schon, sie idealisieren mich bestimmt nicht 🙂 im Camp bin ich genauso wie ich immer bin, chaotisch, mit zuviel Energie und Enthusiasmus dabei….
          aber klar, ohne die Unterstützung würde vieles langsamer gehen oder gar nicht klappen. In einem Jahr werde ich es sicher wissen ob es nur Dankbarkeit ist oder ob das etwas langfristiges entstehen konnte ❤

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  7. Fernwehheilen schreibt:

    Begleiter/in ist definitiv besser als Betreuer/in – aber sieh es mal nicht so negativ: Egal, ob du als Flüchtling in ein fremdes Land kommst oder wegen eines Jobs/Studiums – die meisten Menschen freuen sich, wenn es dort jemand gibt, der ihnen die ersten Schritte erleichtert, sie begleitet und vermittelt, wie die neue Umgebung tickt. So was bieten sogar große Firmen für neue ausländische Mitarbeiter.

    Schade finde ich nur, dass es vor allem bei Behörden irgendwie eine Art Mauer im Kopf zu geben scheint – das hocken evtl. auch etliche „Wutbürger“ und lassen ihren Frust an denen aus, die sich nicht wehren können. Ich erlebe das auch hier bei uns – am schlimmsten finde ich, wenn bewusst oder aus Schlamperei/Gleichgültigkeit Informationen oder Leistungen zurückgehalten oder nicht vollständig gewährt werden.

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    • suzy schreibt:

      Da geht es mir wie Dir. Ich glaube es gibt viele Menschen die das bisschen Macht das sie mit ihrem Job oder Amt haben gerne mal ausnutzen um sich besser zu fühlen. Manchmal auf dem Amt merke ich wie bei mir innerlich alle Krallen ausfahren und ich nur noch verbal zuschlagen will. Aber es ist wie mit den Lehrern in der Schule, wenn man dann seine tatsächliche Meinung kund tun würde und nicht höflich bleibt, tut man sich und seinen Schützlingen keinen Gefallen 🙂

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  8. Paleica schreibt:

    bestimmt eine heftige situation für alle beteiligten. aber ich stelle mir vor, dass du für einige ganz bestimmt eine freundin bist, eine wichtige ansprechperson in einer schwierigen zeit. so etwas vergisst man glaube ich nicht.

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